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Die Worpsweder Musikwerkstatt

5. November 2016

von Margarete & Wolfgang Jehn

Wer in den 1990er Jahren einen Kindergarten oder eine Grundschule besucht hat, wird ihr vielleicht irgendwo begegnet sein: der alten Moorhexe. Ein Kind der 1990er Jahre ist dieses weit bekannte und deutlich früher entstandene Lied aus der Worpsweder Musikwerkstatt von Margarete und Wolfgang Jehn nicht, wohl aber ein Beispiel für die anhaltende Beliebtheit und Magie einer Poesie und Musikkultur, die in den 1990er Jahren das Singen mit Kindern an vielen Orten geprägt hat. Der Grund dafür ist in der bis heute unverwechselbaren Farbe zu suchen, die dieses und andere Jehn-Lieder im Konzert der Liederpoesie für Kinder ausmacht. Thomas Freitag benennt in seinen Veröffentlichungen zur Kinderliedgeschichte der
Nachkriegszeit die in eigener Biosphäre gedeihenden Lieder von Margarete, Wolfgang, Nicolas und David Jehn von der Worpsweder Musikwerkstatt (vgl. Freitag, 2000) als ein Phänomen, das sich den aufkommenden Trends nicht anschließt – damals nicht und heute nicht. So hat die Familie Jehn mit ihrem besonderen Repertoire gerade in den von wachsender Kommerzialisierung und Marktanpassung gekennzeichneten 1990er Jahre in der Kinderliederszene eine besondere Rolle gespielt, die es hier zu betrachten gilt.
Ein kurzer Blick zurück: Margarete Jehn (geb. 1935), die Autorin der Liedtexte und Nachdichtungen von Liedern aus anderen Ländern und Sprachen – auch vieler Melodien, hatte seit Mitte der 1960er Jahre zunächst mit Hörspielen Erfolg. 1964 wurde sie für „Der Bussard über uns“ mit dem „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ ausgezeichnet. Das Stück verbindet Traumvisionen und reales Geschehen zu einer eindringlichen Fabel um eine kleine Schar von verängstigten Kindern im Krieg, die Schutz und Geborgenheit bei einem russischen Gefangenen suchen. Musik und kontrastierende akustische Elemente schaffen darin eine ganz eigentümliche Atmosphäre, und wenn es am Ende auch keine Rettung vor dem Tod gibt, so doch ein getröstetes Sterben. Denn sie haben einander die Angst genommen. Das Einzigartige dieses frühen Hörspiels wirkt auch in ihren anderen literarischen Werken nach: Ihre Texte wissen Poesie und politisches Engagement einfühlsam zu verbinden und wärmen dabei auf eine ehrliche und aufrichtige Weise. In einer Mischung aus kreatürlichem Mut und zärtlicher Liebe erwächst bei ihr eine Kühnheit, die niemals gewollt und aufgesetzt wirkt, mit leiser, fester Stimme Ausdruck sucht und schon früh in der sich entwickelnden Zusammenarbeit mit dem Musiker und Komponisten Wolfgang Jehn (geb. 1937) zum Klingen kommt.
Thematisch umfassen manche der Lieder in ihrer beschwörenden, mystischen Kraft gleichermaßen die Erfahrungswelt von Kindern wie Erwachsenen. Andere wenden sich deutlicher an jüngere Kinder, erzählen farbige Geschichten von Helden, mit denen sie sich identifizieren können – mal schwungvoll, heiter, humorvoll, mal behutsam und still.
Poesie und politisches Engagement – das findet und verbindet sich in ihren Liedern anders als bei den politischen Kinderliedern, die nach 1968 populär waren.
 Margarete Jehn erzählt dazu: […] Meine Eltern waren Arbeiter und ihre Freunde auch. Die unpathetische Form des Gedankenaustauschs zwischen ihnen, ihr Humor, ihre Lieder, die Art ihrer Interpretation waren eine starke Erfahrung für mich. Ich glaube, ich habe damals – hauptsächlich durch die Lieder – eine große Empfindlichkeit für die Echtheit von Aussagen entwickelt. […] Das Lied war die erste literarische Form, die ich kennengelernt habe. Es hat mein Interesse für Sprache geweckt, Sprache als Kommunikationsmittel, Sprache in Verbindung mit Musik. Die Verbindung von Text und Musik löst auch heute noch die größte Lernbereitschaft bei mir aus. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Lieder, richtig vermittelt, hellhörig machen und dass sich aufgrund dieser Hellhörigkeit mit der Zeit ein Widerstand aufbaut gegen eine unehrliche Sprache und Sprechweise, gegen musikalische Vereinnahmungskniffe und andere Taktiken. […] Es gibt im Augenblick nur die kleinen Schritte. Es gibt nur eingeschränkte Möglichkeiten zur Veränderung menschlicher Haltung zueinander. Kinder und Erwachsene leben unter gleichen Bedingungen, nur dass Kinder eben wehrloser sind und leichter zu beeinflussen. Wer Lieder machen kann, wer aus welchen Zufällen, Begabungen und Ursachen auch immer Empfindlichkeit für Sprache, Rhythmus, Aussageformen besitzt, sollte den Mund nicht halten, auch wenn der bestehende gesellschaftliche Zustand lähmend ist, er sollte gegenanreden und gegenansingen und sich bemühen, seine Lieder unter die Leute zu bringen, in der Hoffnung, dass sie bekannt und vertraut werden. (vgl. www.jehnmusik.de)
Nachdem die ersten gemeinsamen Lieder von Margarete und Wolfgang Jehn seit 1968 in anderen Verlagen erschienen waren, starteten sie 1984 ihr eigenes Programm, das bald mit Musikkassetten zu den Liederheften ergänzt wurde. Mit der Verlagsgründung in Worpswede reagierten sie auf eine Entwicklung, die zu einem grundlegenden Umbruch in der Kinderliederszene Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre führte: Die Jahre zwischen 1968 und 1984 waren einerseits geprägt von gesellschaftskritischen und realitätsbezogenen Kinderliedern, wie sie beispielsweise mit Christiane und Fredrik durch den Pläne-Verlag Verbreitung fanden. Gleichzeitig entstanden aber auch zahlreiche Neukompositionen für die Musikalische Früherziehung, für Kinderchöre und das Schulfunkprogramm. Diese Vielfalt an unterschiedlichen Richtungen verlor ab Ende
der 1980er Jahre zunehmend an Bedeutung. Viele Verlage trennten sich in dieser Zeit von ihren bewährten Autoren und stellten ihr Programm ein. An ihre Stelle traten neue Kinderliedermacher mit ihren Produktionen. Die Kinderprogramme im Rundfunk veränderten sich, der Schulfunk wurde eingestellt und auch die großen Kinderhörspiele fanden kaum mehr Sendeplatz. Noch einmal Margarete Jehn über diese Entwicklung: […] Viele Liedermacher mit an sich guten Absichten tragen nur noch zur Verwirrung bei, indem sie Sprache und musikalische Interpretationsformen der Vermarkter benutzen, in der Hoffnung, dass sich neue Ideen, neue Inhalte eher durchsetzen werden, wenn sie den Kindern in bekannter Verpackung angeboten werden. Genau das passiert nicht. Gewisse Tonfolgen, verbunden mit einer bestimmten Interpretationsform, haben sich im Bewusstsein der Kinder soweit verselbständigt, dass die Kinder beim Anhören augenblicklich Konsumentenhaltung zeigen und über die neuen Textinhalte hinweghören […] Durch ständige Belieferung mit einem nichtssagenden Vokabular haben sie ihr Gespür für authentische Beschreibung verloren. Wohl ist es richtig, dass Kinder irgendwo abgeholt werden müssen, dass Vertrautes eher zum Zuhören bereit macht, aber man darf eben nicht alle Mittel einsetzen. Wichtig ist, sich mit den Kindern und ihrem Menschsein zu solidarisieren, sie mit farbigen, stark empfundenen Bildern zu beliefern. […].(vgl. www.jehnmusik.de)
Die konsequente Antwort von Margarete und Wolfgang Jehn auf diese so wahrgenommenen Veränderungen war die Weiterentwicklung ihres eigenen Progamms im „Autorenverlag Worpsweder Musikwerkstatt“, der von nun an viele neue Veröffentlichungen hervorbrachte und durch Praxisseminare und Konzerte immer mehr Anhänger fand. Lieder wie „Ich bin der Baum vor deinem Haus“ oder „Lasst uns zusammen im Kreis rumgehn“ entwickelten sich zu Klassikern in zahlreichen Kindergärten und Grundschulen. In der Werkstatt entstand in jedem Jahr ein neues Liederheft mit MC, so dass Familien, Kindergärten und Schulen in den 1990er Jahren bereits aus einem recht breiten Verlagsangebot schöpfen konnten. Neben den Liedern nicht zu vergessen sind dabei auch die kurzen Prosatexte für Kinder mit Geschichten wie „Anton Einton“ (vgl. Brandt, 2008 S. 90 f.) oder den Baumerzählungen, die wie viele der Lieder das besondere Empfinden von Margarete und Wolfgang Jehn für die Natur in Poesie fassen.
Durch die Freundschaft mit der Worpsweder Malerin Liselotte Frieling war zugleich eine sensible Illustratorin gefunden, die es verstand, dem Charakter der Lieder in ihren Zeichnungen nachzuspüren. In der Folgezeit kamen Gundula Dangschat aus Ottersberg und Almut Jehn aus Bremen als Illustratorinnen dazu und trugen ebenso dazu bei, dass Vertonung, Text und Bild den Verlagsproduktionen ihr unverwechselbares Gesicht gaben. Hinzu kamen Rundfunksendungen und die Worpsweder Singwochenenden in der Worpsweder Jugendherberge, die seither über 50 Mal stattgefunden haben. Diese wie auch die Seminare wurden seit den 1990er durch die Söhne Nicolas und David unterstützt, die als „Gebrüder Jehn“ mit den Liedern der Werkstatt auf Reisen gingen. Seit einigen Jahren haben die Gebrüder Jehn die Verbreitung der Lieder in Konzerten und Fortbildungsveranstaltungen ganz übernommen.
Mit dieser breiten und persönlichen Präsenz und Vermittlung erreichte der kleine Verlag eine erstaunlich große Verbreitung seiner besonderen Liederpoesie.
1997 konnten auch die Rechte aller früheren Werke per Gerichtsbeschluss wieder an Margerete und Wolfgang Jehn zurückgehen und somit leicht überarbeitet im eigenen Verlag neu erscheinen. In dieser Zeit wurden auch die Musik-Kassetten von CD‘s abgelöst und es kam nun Ende der 1990er Jahre zu einer ganzen Reihe von Neuerscheinungen, die jetzt auch vermehrt von Jurys und bei Preisvergaben zu Musik und Liederpoesie für Kinder eine Würdigung erfuhren: So erhielt Was macht die Maus im Sommer den Preis der Deutschen Schallplattenkritik für 3/1999. In der Begründung dazu heißt es: Lebensfroh und temperamentvoll erzählen Lieder, musikalische Spiele und Tänze, Reime und Wortspielereien von Mäusen und Menschen und anderen Lebewesen. Lebensfroh meint hier wie in allen Liedern der Musikwerkstatt kein Comedy-Entertainment, sondern eine Lebensbejahung, die nach wie vor in der Zärtlichkeit und Kühnheit der Texte und Melodien ihre Wurzeln hat. Das findet auch auf den Tonträgern eine angemessene Interpretation: Klare, gut verständliche und angenehm natürliche Sprech- und Singstimmen – weder übertrieben aufgedreht oder einschmeichelnd – und die klangliche Vielfalt eines großen, fantasievoll eingesetzten Instrumentariums machen den Ton aller Lieder-CD‘s aus, die der Musikpraxis mit Kindern immer auch Impulse zum Nachsprechen, Spielen und Bewegen bieten können.
Roots-Lieder wäre vielleicht ein passender Ausdruck für all diese Texte und Melodien, die von einem Menschsein mit „Wurzeln und Flügeln” erzählen: kraftvoll geerdet und gleichzeitig ausgestattet mit einer spielerischen Leichtigkeit und einer großen Sehnsucht nach Freiheit.

(Susanne Brandt)

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