-,-- € 0 Produkte

Über das Liedermachen

Margarete Jehn

Für Kinderlieder habe ich mich als Kind kaum interessiert, höchstens dann, wenn sie mit einem Spiel verbunden waren. Jedes Lied mit einem dramatischen Inhalt ist ein Kinderlied, jedes, das eine Geschichte erzählt, jedes komische, jedes mit Worten und Tönen spielende. Volkslieder sind ihrer einfachen Struktur wegen (in der oft recht Verwickeltes dargestellt wird) auch Lieder für Kinder.
Als ich ganz klein war, musste meine Mutter auf den hohen oder tiefen Saiten ihrer Laute Tiere, Geräusche, Menschen (mach mal einen Dünnen, mach mal einen Wütenden, mach mal einen Traurigen) oder dramatische Situationen nachahmen. Nie wollte ich so etwas gereimt oder in kindgemäßer Sprache vermittelt haben. 
Ich habe als Kind Balladen sehr geliebt, die von „Herrn Aage“, der tot durch das Land reitet, die von den beiden Königskindern und besonders „O Schippmann“. Ich kannte auch die „Moorsoldaten“ und „Die Gedanken sind frei“, die ja heute auch wieder gesungen werden, „Wann wir schreiten Seit an Seit“, „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ und auch deftige Sachen wie „De Bur, de wull to Acker gahn“ oder „De blinne Jost, de har en Deern“ und dazu viele Liebeslieder. Vermittelt wurden sie durch meine Eltern, die ein-, zweimal in der Woche mit ihren Freunden zusammenkamen, um zu reden und zu singen. Meine Eltern waren Arbeiter und ihre Freunde auch.
 Die unpathetische Form des Gedankenaustauschs zwischen ihnen, ihr Humor, ihre Lieder, die Art ihrer Interpretation waren eine starke Erfahrung für mich. Ich glaube, ich habe damals – hauptsächlich durch die Lieder – eine große Empfindlichkeit für die Echtheit von Aussagen entwickelt.
 Später lernte ich von Kriegsgefangenen Lieder in anderen Sprachen. Auch Nazi-Lieder lernte ich, und sie haben auch Eindruck auf mich gemacht, „Heilig Vaterland“ zum Beispiel. Aber die Nazis hatte ich durch den Einfluss meiner Eltern, dann auch durch mein eigenes Unterscheidungsvermögen und durch eigene Erlebnisse früh ablehnen gelernt, und wenn ich mich dabei ertappte, dass ich wieder mal Heilig Vaterland in Gefahren sang, kniff ich schnell die Lippen zusammen. Es war wohl vor allem die hymnische Melodie, die Eindruck auf mich machte, aber die Worte flossen nach, ob ich nun wollte oder nicht. So stark wirkt es eben, wenn Sprache und Musik vereint marschieren. Die Nazis haben das ja auch sehr gut gewusst. Als ich aufgrund der politischen Haltung meiner Eltern zu den in der Schule stattfindenden Morgengesängen zu Ehren des Tausendjährigen Reiches nicht mehr eine zweite Stimme frei erfinden durfte, wozu ich als einziges Kind unserer Klasse imstande war, wurde mir klar, dass zwischen Musik und Politik Zusammenhänge bestehen.
 Als russische Kriegsgefangene, mit denen wir uns angefreundet hatten, soweit man das damals konnte, eines Nachts plötzlich abtransportiert wurden und zu unserer Information das „Partisanenlied“ sangen, begriff ich den Wert des Liedes als Nachrichtenübermittler. Und diese neue Erkenntnis habe ich auch gleich genutzt und den an meinem Schulweg arbeitenden Insassen eines Internierungslagers die neuesten Meldungen des britischen Senders vorgesungen, den zu hören damals verboten war.
 Lieder sind weder unschuldig noch wirkungslos, man kann sie zu allen möglichen Machenschaften benutzen.
Manche unter ihnen sind aber so stark, dass sie sich nicht missbrauchen lassen.
 Das Lied war die erste literarische Form, die ich kennengelernt habe. Es hat mein Interesse für Sprache geweckt, Sprache als Kommunikationsmittel, Sprache in Verbindung mit Musik.
 Die Verbindung von Text und Musik löst auch heute noch die größte Lernbereitschaft bei mir aus.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Lieder, richtig vermittelt, hellhörig machen und dass sich aufgrund dieser Hellhörigkeit mit der Zeit ein Widerstand aufbaut gegen eine unehrliche Sprache und Sprechweise, gegen musikalische Vereinnahmungskniffe und andere Taktiken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das nur meine individuellen Erfahrungen sind.
 Solange ich also annehmen kann, dass Lieder – egal in wie kleinem Maße – bei anderen ähnliches bewirken, werde ich sie schreiben und singen.
 Es gibt im Augenblick nur die kleinen Schritte.
 Es gibt nur eingeschränkte Möglichkeiten zur Veränderung menschlicher Haltung zueinander.
Kinder und Erwachsene leben unter gleichen Bedingungen, nur dass Kinder eben wehrloser sind und leichter zu beeinflussen.
Wer Lieder machen kann, wer aus welchen Zufällen, Begabungen und Ursachen auch immer Empfindlichkeit für Sprache, Rhythmus, Aussageformen besitzt, sollte den Mund nicht halten, auch wenn der bestehende gesellschaftliche Zustand lähmend ist, er sollte gegenanreden und gegenansingen und sich bemühen, seine Lieder unter die Leute zu bringen, in der Hoffnung, dass sie bekannt und vertraut werden.

suprcomonlineshop

Einloggen

Guten Tag, | Ausloggen

Guten Tag, | Adminbereich | Ausloggen